Westwärts.
Osteuropäische Filmschaffende in Westeuropa

34. Internationaler Filmhistorischer Kongress

19.-21.11.2021

Slatn Dudow
Slatan Dudow bei Dreharbeiten zu CHRISTINE (1963) ©DEFA-Stiftung/Herbert Kroiss, Waltraut Pathenheimer

Der 34. Internationale Filmhistorische Kongress ist integraler Teil des cinefest und vertieft die Themen des Festivals in Vorträgen und Diskussionen. Er wird am Abend des 18.11.2021 im Metropolis-Kino eröffnet. Während der Veranstaltung werden auch die Willy Haas-Preise für eine bedeutende internationale Publikation (Buch und DVD) verliehen. Die Vorträge des Kongresses finden vom 19.-21.11.2021, jeweils von 9:30 – 16:00 Uhr statt. Für die Teilnahme ist die vorherige Akkreditierung erforderlich.

Ankündigung und Call for Papers

In den letzten Jahrzehnten ist – nicht zuletzt durch cinefest – das Schicksal von jüdischen Filmschaffenden aus Mittel- und Ost-Europa, die durch den Rassenwahn der NS-Regierung aus der deutschen Kinematografie ins Exil vertrieben wurden, relativ gut erforscht worden. Darüber hinaus gab es aber auch zahllose osteuropäische Filmmacher aller Gewerke, die im 20. Jahrhundert in West-Europa gearbeitet haben; ihre Karrieren sind weitaus weniger erforscht. Sie kamen nach politischen Umbrüchen (von der »Oktober-Revolution« bis zum Ende des »Prager Frühlings«), aber auch zur Verbesserung ihrer professionellen Chancen und erlebten dabei höchst unterschiedliche Karrieren zwischen Erfolg und Scheitern.
So kam beispielsweise die Lettin Marija Leiko aus Riga (damals Russisches Reich) nach Deutschland, wo sie als Schauspielerin im Stummfilm Karriere machte. Nach deren Ende kehrte sie nach Riga zurück und wurde während des stalinistischen Terrors 1938 vom NKWD erschossen (1957 rehabilitiert). Ihr Lebensgefährte Janis Guters, mit dem sie nach Berlin gekommen war, inszenierte als Johannes Guter ab 1917 im Weimarer Kino zahlreiche Filme, blieb in Nazi-Deutschland und beendete seine Filmkarriere mit einer Serie von »Tran und Helle«-Propagandafilmen. Er starb 1962 in der DDR.
Zahlreiche polnische und ukrainische Filmmacher (aus dem Russischen Zarenreich) standen nach der Gründung der Sowjetunion vor der Wahl, dort weiterzuarbeiten oder in den Westen zu gehen. Der Riss ging selbst durch Familien: Während David Kaufman als Dziga Vertov – unterstützt von seinem Bruder Mihail als Kameramann – ein Hauptvertreter des sowjetischen Dokumentarfilms wurde, ging sein Bruder Boris 1917 über Berlin nach Paris und gewann als Kameramann schließlich einen Oscar.
Der russische Szenenbildner Andrej Andrejev stattete nach 1917 in Berlin (Die 3-Groschen-Oper), London und Paris zahlreiche Filme aus. Da er dann in Paris eng mit der deutschen Okkupationsfirma Continental (Le Corbeau) zusammengearbeitet hatte, bekam er in Frankreich keine Aufträge mehr und arbeitete in England und der Bundesrepublik. Sein polnischer Kollege Jacek (Jack, Jacques) Rotmil war intensiv in der deutschen Filmindustrie (über 150 Filme) beschäftigt, ab 1932 dann in Polen. Nach dem deutschen Einmarsch ging er in den Untergrund und wurde 1944 erschossen.
Anhand der Karrieren tschechoslowakischer Filmmacher – z.B. Regisseur Karel Anton, Produzent Miloš Havel, Autor & Regisseur František Čáp, Regisseur Stanislav Barabas oder Kameramann Igor Luther – läßt sich die Film-Situation unter unterschiedlichen politischen Verhältnissen zwischen Deutschem Reich, Tschechoslowakei, »Protektorat Böhmen und Mähren« und Bundesrepublik Deutschland analysieren.
Die DEFA-Stiftung arbeitet das Werk des Bulgaren Slatan Dudow auf. Es umfasst ca. 10 Filme, die – ebenso wie seine Karriere in der Weimarer Republik, in Frankreich und in der DDR – beim cinefest einen Schwerpunkt bilden werden.
Beim cinefest und dem Filmhistorischen Kongress 2021 sollen die zahlreichen »gebrochene« Karrieren von Filmschaffenden aus Mittel- & Ost- in West-Europa recherchiert und ein interessanter Querschnitt solcher weitgehend vergessener Filmschaffender präsentiert werden.

Mögliche Themenkomplexe beim Kongress:

  • Karrieren einzelner Filmschaffender
  • Fokus auf einzelne Gewerke (Kamera, Produktion, Szenenbildner, …)
  • Einfluss auf die westeuropäische Filmgeschichte
  • »Russenfilme«, gedreht von Ukrainern und anderen Nationalitäten
  • Kollaboration mit den Nationalsozialisten und deren Folgen
  • zeitlicher Fokus (z.B. Emigranten in den 1920er, 1930er oder 1950er Jahren)
 
Weitere Themenvorschläge sind willkommen.

Referent:innen erhalten den Festival-Katalog sowie eine Kongress-Akkreditierung, die auch zum Besuch der Kinoveranstaltungen vom 18.-21.11.2021 berechtigt. Auswärtige Referent:innen können in der Regel mit einem Reisekostenzuschuss unterstützt werden.
Im Anschluss an den Kongress werden die überarbeiteten Vorträge in einem Buch veröffentlicht, das im Herbst 2022 bei edition text+kritk erscheint. Die Referent:innen stimmen mit der Teilnahme am Kongress einer Veröffentlichung zu. (Abgabetermin der Texte 17.1.2022).

Gerne können Vorschläge für Vorträge in Form eines Abstracts (ca. 1500 Zeichen) incl. einer Kurzbiografie bis zum 1. Juni 2021 an kongress@cinegraph.de geschickt werden.

Zur Vorbereitung auf Festival und Kongress findet am 6. Mai 2021 eine Informations- und Diskussionsveranstaltung als Online-Workshop statt. Interessenten sind gerne willkommen. Eine vorheringe Anmeldung bis zum 3. Mai unter kongress@cinegraph.de ist für die Teilnahme erforderlich.

Konzeption: Hans-Michael Bock, Swenja Schiemann, Erika Wottrich
Beratung: Petra Rauschenbach, Ralf Schenk, Milan Klepikov, Tereza Cz. Dvořáková, Reká Gulyas
Organisation: Erika Wottrich, Swenja Schiemann
Coordination Bundesarchiv: Daniela Tamm
Technische Betreuung: George Riley        

33. Internationaler Filmhistorischer Kongress

20.-22.11.2020

Online als Live-Streaming!

Wenn es um Fußball geht, gelten die Niederlande und Deutschland als alte Stamm-Rivalen, doch filmwissenschaftlich wurden die Nachbarn bisher selten zusammen betrachtet. Dabei lohnt sich der Blick auf die Gemeinsamkeiten in der Filmgeschichte, sowohl auf der Produktions-, Personal- sowie der Rezeptionsebene. Die gegenseitige Darstellung, zwischen Klischees und Realität, ist ein wichtiger Bestandteil des XVII. cinefest – Internationalen Festival des Deutschen Film-Erbes.
Bereits in den 1910er Jahren waren deutsche Filme in Holland populär, so sind durch die Sammlung des Verleihers Jean Desmet im EYE Filmmuseum viele Kopien des frühen deutschen Kinos erhalten. Dank der Filmsammlung von Huis Doorn haben wir z.B. ein detaillierteres Bild von der Exilzeit von Kaiser Wilhelm II. Zwischen den Avantgarde- und Dokumentarfilmern in Berlin und Amsterdam bestanden enge Kontakte (Joris Ivens, Hans Richter, Walther Ruttmann).
In den 1920er und 30er Jahren arbeiteten niederländische Filmschaffende in deutschen Ateliers oder stellten deutsch-niederländische Coproduktionen her. Populäre deutsche Filmstars wie Adele Sandrock, Lil Dagover und Ilse Werner stammen aus den Niederlanden bzw. deren Kolonien. So manche Holländer tummelten sich in den Studios in Berlin und Babelsberg (Truus van Aalten, Johannes Heesters, Lien Deyers, Frits van Dongen). Für einige Filmschaffende war Amsterdam eine erste Exil-Station, so z.B. für Richard Oswald mit BLEEKE BET, Hermann Kosterlitz mit DE KRIBBEBIJTER sowie Detlef Sierck mit BOEFJE. Die Filme entstanden zumeist in den Cinetone Studios (aus denen im Krieg die Ufa Filmstadt Amsterdam wurde). Ludwig Berger drehte mit ERGENS IN NEDERLAND – einen Monat vor der deutschen Invasion 1940 fertiggestellt – einen der besten niederländischen Filme und überlebte die deutsche Besatzungszeit in Amsterdam. Der deutsche Produzent Rudi Meyer war zwischen den 1930er und 60er Jahren eine Schlüsselfigur in der niederländischen Filmproduktion.
Ein spannender Aspekt, der beim Festival untersucht werden soll, sind auch die Beziehungen zur tschechoslowakischen Filmproduktion. Während des Zweiten Weltkriegs wurde von Hitler und Goebbels versucht, eine deutsche Trickfilmproduktion aufzubauen. Zu den Hauptbeteiligten (Personal & Studios) dienten Fachleute der Prag-Film und den Niederlanden.
Nach dem Krieg waren die Ereignisse unter der deutschen Besatzung natürlich Thema zahlreicher Spielfilme, wobei sich die Darstellung mit den Jahren durchaus differenzierte.
Einige wichtige Akteure beim Neuen Deutschen Film ab den 1960er Jahren waren Niederländer, so u.a. die Produzenten Rob Houwer und Laurens Straub, die Kameraleute Robby Müller und Gérard Vandenberg. Stars wie Renée Soutendijk und Chiem van Houweninge wurden im deutschen Film und Fernsehen populär. Auch in der DDR arbeiteten niederländische Filmschaffende wie die Dokumentaristen Joris Ivens und Joop Huisken sowie die Schauspielerin Cox Habbema.

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