Der Willy Haas-Preis zeichnet jährlich im Rahmen des cinefest – Internationales Festival des deutschen Film-Erbes bedeutende internationale Publikationen zum deutschsprachigen Film in den Bereichen Buch- und DVD-/Blu-ray-Edition aus.

Die Jury hat aus den Neuerscheinungen der letzten 24 Monaten je Kategorie fünf Kandidaten für den Preis nominiert. Der endgültige Sieger wurde im Rahmen der Eröffnung des 34. Internationalen Filmhistorischen Kongresses am Donnerstag, den 18. November 2021, bekannt gegeben.

Die Gewinner:innen erhielten jeweils eine Urkunde sowie eine Original-Grafik des Künstlers und Filmmachers Franz Winzentsen.

Kategorie Buch
Kategorie DVD/Blu-ray
Lobende Erwähnung

Die Jury 2021:

  • Christiane Habich (Kronberg)
  • Oliver Hanley (Potsdam)
  • Uli Jung (Trier)
  • Günter Krenn (Wien)
  • Claudia Lenssen (Berlin

In der Kategorie Buch wurde folgender Titel ausgezeichnet:

Kommentar der Jury:

Die kreativen Kameraleute der Weimarer Republik haben kongenial zur Narrativik der Filme beigetragen. Dennoch ist ihr Schaffen in der filmhistorischen Forschung oft sträflich vernachlässigt worden. In seinem Buch analysiert Axel Block die Arbeit von fünf Kameraleuten an jeweils zwei Filmen, wobei einem Film von Fritz Lang ein Film des jeweiligen Kameramanns mit einem anderen Regisseur gegenübergestellt ist. Auf diese Weise wird das Spezifische an Langs Stil herausgearbeitet und der ästhetische Einfluss der Kameraleute auf ihn. Block, selbst Kameramann, hat einen sehr genauen Blick auf die einzelnen Sequenzen und eröffnet so den Leser:innen einen neuen Zugang zur Bildgestaltung der Weimarer Klassiker. Von großem Interesse sind darüber hinaus die Darlegungen, wie mit der Einführung des Tonfilms auch die Suche nach einer neuen Bildsprache beginnt. In unserer Zeit, in der die Bedeutung des Filmbilds zugunsten des Geschichtenerzählens immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird, verweist dieses Buch auf die erzählerische Kraft ausdrucksstarker Bilder. Axel Block schließt mit seinem Buch eine wichtige Lücke und inspiriert hoffentlich weitere Forschungen.

Für die Shortlist waren außerdem die folgenden Titel nominiert:

Kommentar der Jury:

Nach Ralf Forsters Greif zur Kamera, gib der Freizeit einen Sinn. Amateurfilm in der DDR (nominiert für den Willy-Haas-Preis 2019) hat nun der Medienwissenschaftler Dennis Basaldella mit Ein Leben für den Film einen weiteren wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der ostdeutschen Filmgeschichte jenseits der DEFA geleistet und eine vergleichsweise unbekannte Seite des Filmwesens in der DDR beleuchtet. Im Zentrum des 348-seitigen, 2020 im Büchner-Verlag erschienenen Buches, das aus einem an der Universität Hamburg angesiedelten Dissertationsprojekt hervorgeht, steht die Person von Horst Klein (1920–1994), dessen Karriere als »freier Filmhersteller« in der DDR zugleich typisch und untypisch scheint. Der Karriereverlauf Kleins steht in dieser Mikrostudie als stellvertretend für einen ganzen Beruf, der bislang nur wenig erforscht wurde. Bei seiner eingehenden Untersuchung und akribischen (Re)konstruktion der Arbeitsbiografie Kleins konnte sich der Autor auf eine einzigartige Quelle stützen: auf den Nachlass Horst Kleins im Filmmuseum Potsdam, der hierfür erstmals vollumfänglich wissenschaftlich ausgewertet wurde. Ein verdienstvolles Werk

Begeisterte Zuschauer: Die Macht des Kinopublikums in der NS-Diktatur

von Joseph Garncarz. Köln: Herbert von Halem 2020.

Kommentar der Jury:

Für Joseph Garncarz ist die Frage nach der Filmpräferenz des Kinopublikums in der NS-Zeit essenziell für das bessere Verständnis von NS-(Film)Geschichte. Um dies zu erforschen, wertete er für Begeisterte Zuschauer zahlreiche Statistiken von in der Zeit zwischen 1938 und 1945 gezeigten Filmen aus und kam dabei zu der erstaunlichen und von Kritiker:innen durchaus kontroversiell diskutierten Ansicht, wonach der Publikumsgeschmack den Filmmarkt auch in jener Zeit durchaus mitbestimmt hätte. Der Autor überrascht zu Beginn des Buches mit einer sehr persönlichen Familiengeschichte und untersucht danach anhand des POPSTAT-Verfahrens des britischen Wirtschaftswissenschaftlers John Sedgwick die Aufnahme der NS-Filmproduktion in Berliner Kinos durch das Publikum. Ergänzt wird dies mit einem Blick auf die US-Filme jener Zeit, sowie mit einem Kapitel über die Wiederaufführungen von NS-Produktionen für das Publikum der Nachkriegszeit.

Kommentar der Jury:

In ihrer materialreichen Doktorarbeit recherchiert Johanne Hoppe, was nach 1945 mit den während des Nationalsozialismus entstandenen Filmen geschah. Dabei betrachtet sie den Umgang der Alliierten mit dem NS-Filmerbe, dann dessen – mangelhafte – Aufarbeitung in der BRD und die Rolle der FSK dabei. Ein interessantes Kapitel widmet sich dem Umgang mit den NS-Filmen in der DDR, der sich von dem in der BRD wesentlich unterschied. Die Alliierten verboten zahlreiche Filme – zeitweise standen bis zu 385 auf der Verbotsliste – u. a. wegen der Verherrlichung des Nationalsozialismus, rassistischer Inhalte oder gegen die Alliierten gerichteter Propaganda. Filme wurden in solchen Fällen zensiert und geschnitten. Nur die wenigsten blieben ganz verboten. Schon wenige Jahre nach Kriegsende liefen viele der in der NS-Zeit entstandenen Spielfilme als Reprisen wieder in den westdeutschen Kinos. Sowohl bei den Alliierten als auch bei den deutschen Institutionen standen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Dies ist insbesondere bei der Auswertung der Filme im Kino sowie später im Fernsehen und auf VHS und DVD sowie im Ausland zu erkennen. Auf der Strecke geblieben ist eine historisch-kritische Aufarbeitung der NS-Filme. Diese scheitert nicht zuletzt daran, dass von den Verbotsfilmen meistens nur die geschnittenen FSK-Fassungen verfügbar sind. Eine Kommission, die 1977 gefordert hatte, die Filme in ihren ungekürzten Zustand zurückzuversetzen, stieß leider auf taube Ohren. Die Autorin regt in ihrem Schlusswort an, die Geschichte der Fassungen, die durch die Schnittauflagen der Alliierten und der FSK entstanden, nachzuzeichnen. Das wäre in der Tat ein wünschenswertes Unterfangen!

Kino Welt Wien. Eine Kulturgeschichte städtischer Traumorte. Katalog zur Ausstellung

Herausgegeben von Martina Zerovnik. Wien: Filmarchiv Austria 2020

Kommentar der Jury:

»Man ging nicht in bestimmte Filme sondern ins Kino« Dieses Lebensgefühl prägte die urbane Kultur über hundert Jahre lang. Kino Welt Wien, der reich illustrierte Begleitband zu einer bis Januar 2021 im Metro Kulturhaus Wien gezeigten Ausstellung begibt sich auf die oft kaum noch sichtbaren Spuren des einst selbstverständlichen Alltagsvergnügens. Mit einer Fülle faszinierender Fotografien und Dokumente sowie einem beigelegten Stadtplan kartographiert der Band die große Zahl verschwundener Kinos in Wien, gibt anschauliche Einblicke in den Formenreichtum diverser Architektur- und Innenarchitekturstile und die verführerische Sprache ihrer einst das Stadtbild charakterisierenden Leuchtreklamen. Die Essays des Bandes spiegeln anschaulich die Perioden der ökonomischen und kulturpolitischen Entwicklung der Wiener Kinolandschaft, darunter die historische Indienstnahme durch die Nationalsozialisten. »Zwischen Traum und Wirklichkeit« setzt diese informative Zeitreise dem Kino als Schauplatz des sozialen Lebens ein zauberhaftes Denkmal.

In der Kategorie DVD/Blu-ray wurde folgende Edition ausgezeichnet:

o.k.

Regie: Michael Verhoeven. DVD. Bonusmaterial + Booklet. film & kunst GmbH / Filmmuseum München / Goethe-Institut München 2020
(Edition Filmmuseum 116).

Kommentar der Jury:

Michael Verhoevens Film o.k. verursachte auf der Berlinale 1970 einen Skandal und führte zum vorzeitigen Ende des Festivals. Danach war der Film nur kurz im Kino zu sehen und verschwand dann jahrzehntelang in der Versenkung. Ein Schicksal, das er wirklich nicht verdient hat. Der Film basiert auf einem Theaterstück Verhoevens, dem eine wahre Geschichte aus dem Vietnam-Krieg zugrunde liegt. Eine Gruppe von Soldaten vergewaltigt eine Vietnamesin und tötet sie anschließend, damit sie nicht aussagen kann. Der Regisseur verlegt diese Geschichte nach Bayern und lässt die Soldaten im bayrischen Dialekt sprechen. Damit holt er die Geschichte aus der Ferne in die bundesrepublikanische Realität. Sieht man den Film heute, so hat er nichts von seiner Brisanz verloren. Die großartigen jungen Schauspieler:innen, darunter Eva Mattes, Friedrich von Thun und Rolf Zacher, spielen zurückhaltend und eindringlich zugleich. Die film & kunst GmbH und das Filmmuseum München haben in der Edition Filmmuseum-Reihe den Film nun in restaurierter Fassung nach einer 2K-Abtastung vom Kameranegativ in einer vorzüglichen DVD-Ausgabe herausgebracht. Als Bonusmaterial gibt es ein ausführliches Gespräch zwischen Regisseur Verhoeven und Produzent Rob Houwer sowie Verhoevens ebenfalls seltenen Kurzfilm Tische (1969). In dem informativen Booklet beschreibt Stefan Drößler ausführlich die Geschichte des Berlinale-Skandals sowie der Rechtsstreitigkeiten mit Warner Bros., die die Kinoauswertung des Films behinderten.

Für die Shortlist waren außerdem die folgenden Titel nominiert:

Chicago - Weltstadt in Flegeljahren

Regie: Heinrich Hauser. DVD und Blu-ray. Bonusmaterial.
Absolut Medien 2020.

Kommentar der Jury:

Die DVD/Blu-ray Chicago – Weltstadt in Flegeljahren feiert die Wiederentdeckung eines herausragenden historischen Städteporträts. Der heute vergessene Abenteurer und Kosmopolit, Schriftsteller, Fotograf und Filmmacher Heinrich Hauser tauchte 1931 als unvoreingenommener Besucher in das pulsierende Leben der zweitgrößten amerikanischen Metropole ein. Seine packenden Eindrücke vom Tempo und der Dichte des urbanen Verkehrs, der futuristisch erscheinenden grandiosen Hochhaus-Architektur, dem hochmodernden Standard technisierter Industrieabläufe sowie dem extremen Gefälle zwischen Arm und Reich, wie es sich im urbanen Alltag der Arbeiterstadt auf den Straßen zeigte, können sich mit anderen klassischen »Großstadtsymphonien« der Stummfilmära messen. Hausers visuelles Gespür für den jazzigen Rhythmus der Stadt, die eingesprochenen Passagen aus seinem Reisetagebuch sowie die von Andy Klein neu komponierte Filmmusik und ein dezenter Soundscore machen die restaurierte Fassung seines zu Unrecht kaum bekannten Films zu einem echten Erlebnis.

Deadlock - 50 Jahre Jubiläums-Edition

Regie: Roland Klick. Blu-ray. Bonusmaterial + Booklet, restaurierte Fassung. Subkultur 2021.

Kommentar der Jury:

Mit der neuesten Erscheinung in der Edition Deutsche Vita-Reihe hat das Label Subkultur Entertainment selbst seinen eigenen Qualitätsanspruch übertroffen – eine umso beachtlichere Leistung, wenn man berücksichtigt, wie viele hochwertige, vorbildliche Editionen aus der Arbeit des Labels bereits hervorgegangen sind. Dass einige davon von der Willy-Haas-Preis-Jury in der Vergangenheit Beachtung gefunden haben, dient nur als Beweis dafür. In dieser 50. Jubiläumsausgabe von Deadlock wird Roland Klicks Spaghettiwestern-auf-Deutsch neben der Blu-ray erstmals im 4K-Ultra-HD-Format in einer neuen digitalen Bearbeitung von atemberaubender Qualität präsentiert. Auf den zwei Scheiben wird der Hauptfilm um die für Subkultur-Editionen schon bekannte Vielzahl von Bonusmaterialien ergänzt, wovon manche hier zum ersten Mal zu finden sind (etwa die verschiedenen Varianten des Vorspanns und des Filmendes). In der edlen, optisch eindrucksvollen schwarz-roten Kartonverpackung verbirgt sich zusätzlich ein gebundener Bildband mit glänzenden schwarzweißen Fotos von den Dreharbeiten aus dem Archiv des Filmmuseums Düsseldorf. Auch wenn Klicks Kultfilm bereits 2014 in einer qualitätsvollen DVD-Edition erschienen ist, erlebt man ihn in dieser beeindruckenden Neuausgabe wie zum ersten Mal.

Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?

Regie: Slatan Dudow. Mediabook mit DVD und Blu-ray, Booklet.
Atlas-Film 2020.

Kommentar der Jury:

Von vielen als der »einzig eindeutig kommunistische Film der Weimarer Republik« in einer eigenen Nische positioniert, zählt Kuhle Wampe bis heute zu den meistzitierten Produktionen jener Epoche. Als Erstveröffentlichung einer Restaurierung der Deutschen Kinemathek, dem British Film Institute National Archive, der Cinémathèque Suisse und der Praesens-Film aus dem Jahr 2020, publiziert Atlas-Film nun ein Mediabook dieser Fassung plus Bonusmaterial als DVD und Blu-ray. Bild und Ton wurden im Vergleich mit bisherigen Fassungen qualitativ verbessert, das Booklet präsentiert neben zeitgenössischen Stellungnahmen von Rudolf Arnheim, Bertolt Brecht, Herbert Jhering und Georg Höllering auch das Zensurprotokoll der Filmprüfstelle Berlin. Ein solcher Film, so warnt man darin 1932, »erschüttert die Grundlagen des Staates« und müsse erheblich entschärft werden, bis »eine staatsgefährdende und entsittlichende Wirkung nicht mehr zu besorgen sei.«

Opium

Regie: Robert Reinert. DVD. Bonusmaterial + Booklet. film & kunst GmbH / Filmmuseum München / Filmmuseum Düsseldorf
(Edition Filmmuseum 117).

Kommentar der Jury:

Robert Reinerts Film Opium (1919) war lange Zeit nur unvollständig und in Kopien von bedürftiger Qualität verfügbar. 2018 gelang es den Filmmuseen in München und Düsseldorf auf der Grundlage dreier Nitratfilmmaterialien, eine Rekonstruktion, die nicht nur die originalen Einfärbungen und stilistisch unterschiedlichen Zwischentitel erhalten konnte, sondern auch der Zensurlänge recht nahekam. Diese Fassung liegt der vorliegenden DVD-Edition zugrunde, die überdies noch einige Szenenvergleiche und im Booklet eine Biografie des Regisseurs sowie zeitgenössische Rezensionen und einen frühen Text Reinerts bereithält. Außerdem befinden sich auf der DVD die wenigen erhaltenen Fragmente von Reinerts sonst als verschollen geltendem zweiteiligem Monumentalfilm Sterbende Völker (1922). Nun ist ein weiteres zentrales Werk in dem recht lückenhaft überlieferten Œuvre des einstig berühmten, inzwischen weitgehend vergessenen Filmmachers Robert Reinert in einer vorbildhaften Edition wieder zugänglich. Eine willkommene Ergänzung zu der bereits 2008 erschienenen DVD-Ausgabe des Filmmuseums München von Reinerts nachfolgendem Film Nerven (1919), die 2009 ebenfalls für den Willy Haas-Preis nominiert wurde.

Folgender Titel erhält von der Jury eine Lobende Erwähnung:

Kommentar der Jury:

Die Panoptika waren um 1900 als populäre Unterhaltungsorte wichtige Kontextmedien des frühen Kinos. Das gilt besonders für Castan’s Panoptikum in Berlin, das schon 1896 von Lumiere-Operateuren gefilmt worden ist. Die vorliegende Geschichte des Unternehmens basiert auf einer überaus intensiven und zeitraubenden Recherche in vielen Archiven und ist angesichts der opulenten Ausstattung eine glänzende verlegerische Großleistung.

Willy Haas-Preise 2020

Die Jury 2020:

  • Peter Bossen (Hamburg)
  • Christiane Habich (Kronberg)
  • Oliver Hanley (Potsdam)
  • Uli Jung (Trier)
  • Thomas Worschech (Frankfurt)

Die Jury hat aus den Neuerscheinungen der letzten 24 Monaten in den Kategorie Buch und DVD/Blu-ray fünf Kandidaten für den Preis nominiert. Der endgültige Sieger wurde im Rahmen der Online-Eröffnung des 33. Internationalen Filmhistorischen Kongresses am Donnerstag, den 19. November 2020, bekannt gegeben.

Die Gewinner erhielten jeweils eine Urkunde sowie eine Original-Grafik des Künstlers und Filmmachers Franz Winzentsen überreicht.

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In der Kategorie Buch wurde folgender Titel ausgezeichnet:

Unerwünschtes Kino: Deutschsprachige Emigrantenfilme 1934-1937

von Armin Loacker. Wien: Filmarchiv Austria 2019.

Kommentar der Jury:

Als die österreichische Filmindustrie sich ab 1933 verpflichtete, ihre Projekte mit der deutschen Reichsfilmkammer personell und inhaltlich abzustimmen, um den Zugang zum deutschen Filmmarkt zu gewährleisten, waren die Arbeitsbedingungen für jüdische Filmkünstler im eigenen Land stark eingeschränkt. Es entstand eine kleine Produktion, deren Amortisierung nur in Österreich und – bis Kriegsbeginn – in einigen osteuropäischen Ländern erreicht werden musste, aber jüdischen Filmkünstlern ein immerhin bescheidenes Einkommen sichern konnte. Armin Loacker zeichnet diesen Zusammenhang minutiös nach und gibt darüber hinaus detaillierte biografische Informationen über wichtige Beteiligte. Eine verdienstvolle und aufschlussreiche filmhistorische Forschungsarbeit, die in der Publikation mit zahlreichen vorzüglich reproduzierten Abbildungen garniert ist.

Für die Shortlist waren außerdem die folgenden Titel nominiert:

Maximilian Schell

Herausgegeben von Isabelle Louise Bastian, Hans-Peter Reichmann. Frankfurt: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (Verlag) 2019.

Kommentar der Jury:

Anlässlich der Ausstellung »Maximilian Schell« ist im Deutschen Filmmuseum über den Schauspieler und Regisseur ein Prachtband erschienen, der allein vom schönen Layout her schon zur längeren Beschäftigung einlädt. Kundige Essays beleuchten verschiedene Aspekte des vielfältigen Künstlers: seine Karriere als Darsteller im Film und auf der Bühne, seine Arbeit als Regisseur, seinen Film über Marlene Dietrich. Man lernt den Kunstsammler kennen, den Familienmenschen, der seine Schwester Maria in einem Film porträtiert, und den Übersetzer, der sich in einem faszinierenden Aufsatz anlässlich einer Theateraufführung von »Hamlet« im Deutschen Theater mit der Schlegelschen Übersetzung von Shakespeares Stück befasst und uns so auch an der Arbeit des Schauspielers teilhaben lässt. Ergänzt werden die Texte durch eine große Auswahl hervorragend gedruckter Fotos und Faksimiles u.a. von Briefen von Marlene Dietrich und Schell. Eine Kurzbiografie sowie filmografische und theatrografische Daten und ein Register runden das Buch ab.

Kommentar der Jury:

Die aus Bulgarien stammende, in den USA ansässige Germanistin und Filmwissenschaftlerin Mariana Ivanova hat sich in ihren Schriften wie auch in einer Reihe von Videodokumentationen mehrfach mit der Arbeit der staatlichen ostdeutschen Filmproduktion, der DEFA, beschäftigt und dabei einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung der DEFA-Geschichte und zu deren Neubewertung außerhalb des deutschen Sprachraums geleistet. Mit ihrer 2019 bei Berghahn erschienenen englischsprachigen Monografie »Cinema of Collaboration. DEFA Coproductions and International Exchange in Cold War Europe« widmet sich die Autorin nun detailliert der internationalen Zusammenarbeit der DEFA mit Produktionsfirmen im östlichen wie auch im westlichen Ausland. Bei ihrer umfassenden Recherche stützte sich Ivanova auf eine Reihe von einschlägigen, zum Teil bislang nicht ausgewerteten Quellen aus öffentlichen wie auch privaten Archiven. Daraus ist ein 292-seitiges, auch für DEFA-Nicht-Kenner überaus lesenswertes Werk zu einer wenig beachteten Seite der DEFA-Geschichte entstanden, anhand dessen sich auch eindrücklich nachvollziehen lässt, warum ausgerechnet Ivanova 2019 mit der Leitung der renommierten DEFA Film Library der University of Amherst betraut wurde.

Eberhard Fechner. Chronist des Alltäglichen

Herausgegeben von Torsten Musial, Rolf Aurich. München: et+k 2019.

Kommentar der Jury:

Eberhard Fechners (1927-1992) Spiel- und Dokumentarfilme gehören zu den herausragenden Produktionen des westdeutschen Fernsehens der 1960er bis ’80er Jahre. Obwohl er zunächst als Schauspieler für das Theater arbeitete und ab 1955 in Kinofilmen mitwirkte, wurde er zu einem der wichtigsten Dokumentaristen des bundesdeutschen Fernsehens und erreichte ein Millionenpublikum. Der dreiteilige Dokumentarfilm Der Prozess (1984), Fechners wichtigstes Werk, ist das Ergebnis achtjähriger Arbeit und dokumentiert den Majdanek-Prozess. Die von Rolf Aurich und Torsten Musial herausgegebene Publikation ist auf der Grundlage des künstlerischen Nachlasses von Eberhard Fechner, der seit 2015 in der Akademie der Künste Berlin bewahrt wird, entstanden. Die Beiträge gehen sehr informativ den verschiedenen Facetten des Werkes von Fechner nach, auch dem nicht Realisierten. Eine sorgfältige recherchierte Chronik, ein umfangreiches Werkverzeichnis und eine wohlüberlegte Bebilderung in guter Qualität runden eine sehr lesbare Veröffentlichung zu dem künstlerischen Werk von Eberhard Fechner ab.

Konrad Wolf: Chronist im Jahrhundert der Extreme

von Antje Vollmer, Hans-Eckardt Wenzel. Berlin: Die Andere Bibliothek 2019.

Kommentar der Jury:

Auf Grundlage von ausführlichen Quellenstudien und vieler Zeitzeugengespräche entstandene Biografie des bedeutendsten Filmregisseurs der DDR und langjährigen Präsidenten der Akademie der Künste der DDR, deren Ziel es ist, nicht nur einfach ein Leben nachzuerzählen. Dazu wird das familiäre Umfeld, insbesondere der Einfluss des Vaters, einbezogen und zeitgeschichtlichen Ereignisse und Umbrüche, wovon es in Wolfs Leben mehr als genug gegeben hat, ausführlich behandelt. Daneben nehmen sich die Autoren – die westdeutsche Politikerin Antje Vollmer und der ostdeutsche Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel – die Freiheit, die Lebensgeschichten von Nebenpersonen zu Ende zu erzählen und scheuen bisweilen auch vor Vermutungen und Pathos nicht zurück. Auf diese Weise gelingt es ihnen, dem Menschen Konrad Wolf sehr nahe zu kommen, vor allem auch seiner (vermeintlichen) Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit. Das Werk des Filmmachers steht dabei weniger im Mittelpunkt, vielmehr geht es den Autoren darum, die Biografie Konrad Wolfs als exemplarische Lebensgeschichte für eine bestimmte zeithistorische Epoche darzustellen, was ihnen hervorragend gelungen ist. Ein Highlight der Biografieliteratur.

In der Kategorie DVD/Blu-ray wurde folgende Edition ausgezeichnet:

Peter Lilienthal Archiv 1

Regie: Peter Lilienthal. DVD. Digital remastered.Booklet + Bonusmaterial. Von Vietinghoff Filmproduktion / Lighthouse Home Entertainment 2019.

Kommentar der Jury:

Das umfangreiche Filmwerk des 90-jährigen Peter Lilienthal, das im Lauf von 50 Jahren entstand und einmal zum Kern des Neuen Deutschen Films gehörte, ist heute nur noch schwer greifbar und aus Kino- und Fernsehprogrammen mehrheitlich verschwunden. Die vorliegende kompakte Edition auf 4 DVDs, betreut vom Produzenten Joachim von Vietinghoff, vereint drei ausgewählte Filme, David (1979, BRD), Dear Mr. Wonderful (1981/82, BRD), Das Autogramm / L’Autographe (1983/84, BRD/FR), die alle u.a. mit Deutschen Filmpreisen ausgezeichnet worden sind. Als Bonus gibt es ein langes Interview mit dem Regisseur, das nicht nur Aufschluss über Leben und Werk gibt, sondern auch über die Zeitumstände, die er durchlebte, sowie ein Booklet mit einem Essay von Michael Töteberg und einer Produktionsnotiz von Johannes Kagerer. Eine wichtige Edition, deren Fortsetzung sehr zu wünschen ist.

Für die Shortlist waren außerdem die folgenden Editionen nominiert:

Berliner Ballade

Regie: Robert A. Stemmle. Digital restauriert, Booklet + Bonusmaterial. DVD / Blu-ray. Filmjuwelen 2020.

Kommentar der Jury:

Auf der Grundlage eines Kabarett-Programms von Günter Neumann inszenierte Robert A. Stemmle im Jahre 1948 diese Nachkriegssatire, in der der damals noch magere Gert Fröbe den heute ebenfalls noch sprichwörtlichen Durchschnittsdeutschen Otto Normalverbraucher gibt. Die von der Günter-Neumann-Stiftung initiierte und bei Studio Hamburg durchgeführte Restaurierung geht sehr behutsam mit dem Film um. Ziel war es nach eigener Aussage, den Film nicht wie ein heutiges Hochglanzprodukt aussehen zu lassen, sondern den historischen Charakter des Filmmaterials durchaus sichtbar zu lassen. Das ist gut gelungen und geht mitnichten, wie man vielleicht meinen könnte, zu Lasten des Sehvergnügens. Das Bonusmaterial umfasst ein informatives Feature mit ausführlichen Informationen zu Autor Günter Neumann und Regisseur R. A. Stemmle, in dem nebenbei auch die Ansichten des zerstörten Berlin aus dem Film mit heutigen Ansichten verglichen werden und das extra für diese Ausgabe produziert wurde, sowie eine kurze Dokumentation zur Restaurierung, ein kurzes Interview von 1985 mit dem (inzwischen beleibten) Hauptdarsteller und ein Booklet. Insgesamt eine gelungene Edition eines der wichtigsten deutschen »Trümmerfilme«.

Die Büchse der Pandora

Regie: Georg Wilhelm Pabst. DVD & Blu-ray. Mediabook, restaurierte Fassung. Booklet + Bonusmaterial. Atlas-Film 2019.

Kommentar der Jury:

Der bereits 2009 restaurierte Film Die Büchse der Pandora ist der bekannteste Stummfilm des Regisseur G. W. Pabst mit dem Star Louise Brooks in der Hauptrolle. Der Film liegt in der Edition auf DVD und Blu-ray vor, die neue Musik wurde komponiert von Peer Raben im Auftrag von ZDF/ARTE. Als Bonus enthalten ist der informative Dokumentarfilm von Robert Fischer Der Schatten meines Vaters: Michael Pabst über G. W. Pabsts Die Büchse der Pandora. Das 24-seitige Booklet enthält Martin Koerbers Restaurierungsbericht, eine Rezension der Wiederaufführung sowie eine Vielzahl von zeitgenössischen Filmkritiken. Die drei beigefügten Postkarten mit den verschiedenen Plakatmotiven des Films sind eine schöne Zugabe. Die restaurierte Fassung des Films erscheint in der Nero-Film-Reihe von Atlas-Film als hochwertiges, informatives und sorgfältig editiertes Mediabook. In der Reihe sind weitere deutsche Filmklassiker erschienen, ebenso aufwendig und liebevoll gestaltet, wie etwa Westfront 1918 von Pabst, Fritz Langs Das Testament Des Dr. Mabuse oder Robert Siodmaks Film der Neuen Sachlichkeit Menschen am Sonntag von 1930.

Frankfurt Kaiserstraße

Regie: Roger Fritz. DVD & Blu-ray. Booklet + Bonusmaterial. Subkultur 2019.

Kommentar der Jury:

Die Marke »Edition Deutsche Vita« steht für konsistent hochwertige, liebevoll hergestellte und luxuriös ausgestattete Ausgaben westdeutscher Genrefilme, die vorher auf dem DVD- und Blu-ray-Markt nur schwer oder in mäßiger Qualität zugänglich waren. Unter den jüngsten Veröffentlichungen der Reihe, die inzwischen 13 Ausgaben umfasst, sticht die Edition der letzten Regiearbeit von Roger Fritz, Frankfurt Kaiserstrasse (1981), besonders heraus. Neben der tadellosen digitalen Präsentation des Hauptfilms (wie immer sowohl im Blu-ray- als auch im DVD-Format vorhanden) und dem umfangreichem Bonusmaterial – darunter neue Videointerviews mit Fritz und mit seinem Hauptdarsteller Dave Balko, die Aufzeichnung eines 2019 geführten Podiumsgesprächs mit Schauspieler Hanno Pöschl sowie eine Bildergalerie und Trailer – bietet das Paket ein 16-seitiges Begleitbooklet mit einem Aufsatz des in Frankfurt lebenden Cinéphilen Gary Vanisian sowie eine vollständige Reproduktion der 2. Fassung des Originaldrehbuchs von Georg Ensor (als gebundene Buchausgabe!) und eine Broschüre glänzender schwarz-weißer Setfotografien mit Balko.

Das Wachsfigurenkabinett

Regie: Paul Leni. Restaurierte Fassung, Booklet + Bonusfilm. DVD / Blu-ray. absolut Medien 2020.

Kommentar der Jury:

Paul Lenis phantastischer Film Das Wachsfigurenkabinett (1924) ist ein Meisterwerk des Weimarer Kinos. Mit hohem Aufwand, visueller Raffinesse und den großen Filmstars der damaligen Zeit inszenierte Leni die Geschichten von Harun al Raschid (Emil Jannings), Iwan dem Schrecklichen (Conrad Veidt) und Jack the Ripper (Werner Krauß). Leider verbrannte das Originalnegativ 1925, und so ist der Film nur in den überlebenden zeitgenössischen Kopien erhalten. Da der Restaurierung in der Hauptsache eine Kopie des British Film Institute zugrunde liegt, hat der Film englische Zwischentitel. Eine deutsche Kopie ist nicht erhalten. Die Stiftung Deutsche Kinemathek und die Cineteca di Bologna haben den Film nun aufwendig restauriert, wobei man auch die Farbgebung der englischen Kopie im digitalen Bild nachempfand. Es wurde eine von Bernd Schultheis, Olav Lervik und Jan Kohl neu komponierte Musik eingespielt. Zur Auswahl wurde eine alternative Klaviermusik von Richard Siedhoff beigegeben, die dem Film in jeder Hinsicht gerecht wird. Als Extra gibt es das Fragment Der Film im Film (1923/24), wo man gleich anfangs Paul Leni und Conrad Veidt kurz bei den Dreharbeiten zum Wachsfigurenkabinett sieht. Neben anderen Stummfilmgrößen sind auch die Regisseure Fritz Lang, E. A. Dupont und Hanns Schwarz bei Dreharbeiten zu sehen. Ein Booklet mit zeitgenössischen Kritiken und einem Text über die Restaurierung rundet die Edition ab.

 

Der Willy Haas-Preis zeichnet jährlich im Rahmen des cinefest – Internationales Festival des deutschen Film-Erbes bedeutende internationale Publikationen zum deutschsprachigen Film in den Bereichen Buch- und DVD/Blu-ray-Edition aus.

Preisträger der vergangenen Jahre (Link führt zur alten website)