Der Willy Haas-Preis zeichnet jährlich im Rahmen des cinefest – Internationales Festival des deutschen Film-Erbes bedeutende internationale Publikationen zum deutschsprachigen Film in den Bereichen Buch– und DVD-/Blu-ray-Edition aus.

Die Jury hat aus den Neuerscheinungen der letzten 24 Monaten je Kategorie fünf Kandidaten für den Preis nominiert. Der endgültige Sieger wurde im Rahmen der Online-Eröffnung des 33. Internationalen Filmhistorischen Kongresses am Donnerstag, den 19. November 2020, bekannt gegeben.

Die Gewinner erhalten jeweils eine Urkunde sowie eine Original-Grafik des Künstlers und Filmmachers Franz Winzentsen überreicht.

Die Jury 2020:

  • Peter Bossen (Hamburg)
  • Christiane Habich (Kronberg)
  • Oliver Hanley (Potsdam)
  • Uli Jung (Trier)
  • Thomas Worschech (Frankfurt)

Die Preisverleihung fand am 19.11.2020 im Rahmen der Online-Eröffnung des 33. Internationalen Filmhistorischen Kongresses statt:

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In der Kategorie Buch wurde folgender Titel ausgezeichnet:

Unerwünschtes Kino: Deutschsprachige Emigrantenfilme 1934-1937

von Armin Loacker. Wien: Filmarchiv Austria 2019.

Kommentar der Jury:

Als die österreichische Filmindustrie sich ab 1933 verpflichtete, ihre Projekte mit der deutschen Reichsfilmkammer personell und inhaltlich abzustimmen, um den Zugang zum deutschen Filmmarkt zu gewährleisten, waren die Arbeitsbedingungen für jüdische Filmkünstler im eigenen Land stark eingeschränkt. Es entstand eine kleine Produktion, deren Amortisierung nur in Österreich und – bis Kriegsbeginn – in einigen osteuropäischen Ländern erreicht werden musste, aber jüdischen Filmkünstlern ein immerhin bescheidenes Einkommen sichern konnte. Armin Loacker zeichnet diesen Zusammenhang minutiös nach und gibt darüber hinaus detaillierte biografische Informationen über wichtige Beteiligte. Eine verdienstvolle und aufschlussreiche filmhistorische Forschungsarbeit, die in der Publikation mit zahlreichen vorzüglich reproduzierten Abbildungen garniert ist.

Für die Shortlist waren außerdem die folgenden Titel nominiert:

Maximilian Schell

Herausgegeben von Isabelle Louise Bastian, Hans-Peter Reichmann. Frankfurt: DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (Verlag) 2019.

Kommentar der Jury:

Anlässlich der Ausstellung »Maximilian Schell« ist im Deutschen Filmmuseum über den Schauspieler und Regisseur ein Prachtband erschienen, der allein vom schönen Layout her schon zur längeren Beschäftigung einlädt. Kundige Essays beleuchten verschiedene Aspekte des vielfältigen Künstlers: seine Karriere als Darsteller im Film und auf der Bühne, seine Arbeit als Regisseur, seinen Film über Marlene Dietrich. Man lernt den Kunstsammler kennen, den Familienmenschen, der seine Schwester Maria in einem Film porträtiert, und den Übersetzer, der sich in einem faszinierenden Aufsatz anlässlich einer Theateraufführung von »Hamlet« im Deutschen Theater mit der Schlegelschen Übersetzung von Shakespeares Stück befasst und uns so auch an der Arbeit des Schauspielers teilhaben lässt. Ergänzt werden die Texte durch eine große Auswahl hervorragend gedruckter Fotos und Faksimiles u.a. von Briefen von Marlene Dietrich und Schell. Eine Kurzbiografie sowie filmografische und theatrografische Daten und ein Register runden das Buch ab.

Kommentar der Jury:

Die aus Bulgarien stammende, in den USA ansässige Germanistin und Filmwissenschaftlerin Mariana Ivanova hat sich in ihren Schriften wie auch in einer Reihe von Videodokumentationen mehrfach mit der Arbeit der staatlichen ostdeutschen Filmproduktion, der DEFA, beschäftigt und dabei einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung der DEFA-Geschichte und zu deren Neubewertung außerhalb des deutschen Sprachraums geleistet. Mit ihrer 2019 bei Berghahn erschienenen englischsprachigen Monografie »Cinema of Collaboration. DEFA Coproductions and International Exchange in Cold War Europe« widmet sich die Autorin nun detailliert der internationalen Zusammenarbeit der DEFA mit Produktionsfirmen im östlichen wie auch im westlichen Ausland. Bei ihrer umfassenden Recherche stützte sich Ivanova auf eine Reihe von einschlägigen, zum Teil bislang nicht ausgewerteten Quellen aus öffentlichen wie auch privaten Archiven. Daraus ist ein 292-seitiges, auch für DEFA-Nicht-Kenner überaus lesenswertes Werk zu einer wenig beachteten Seite der DEFA-Geschichte entstanden, anhand dessen sich auch eindrücklich nachvollziehen lässt, warum ausgerechnet Ivanova 2019 mit der Leitung der renommierten DEFA Film Library der University of Amherst betraut wurde.

Eberhard Fechner. Chronist des Alltäglichen

Herausgegeben von Torsten Musial, Rolf Aurich. München: et+k 2019.

Kommentar der Jury:

Eberhard Fechners (1927-1992) Spiel- und Dokumentarfilme gehören zu den herausragenden Produktionen des westdeutschen Fernsehens der 1960er bis ’80er Jahre. Obwohl er zunächst als Schauspieler für das Theater arbeitete und ab 1955 in Kinofilmen mitwirkte, wurde er zu einem der wichtigsten Dokumentaristen des bundesdeutschen Fernsehens und erreichte ein Millionenpublikum. Der dreiteilige Dokumentarfilm Der Prozess (1984), Fechners wichtigstes Werk, ist das Ergebnis achtjähriger Arbeit und dokumentiert den Majdanek-Prozess. Die von Rolf Aurich und Torsten Musial herausgegebene Publikation ist auf der Grundlage des künstlerischen Nachlasses von Eberhard Fechner, der seit 2015 in der Akademie der Künste Berlin bewahrt wird, entstanden. Die Beiträge gehen sehr informativ den verschiedenen Facetten des Werkes von Fechner nach, auch dem nicht Realisierten. Eine sorgfältige recherchierte Chronik, ein umfangreiches Werkverzeichnis und eine wohlüberlegte Bebilderung in guter Qualität runden eine sehr lesbare Veröffentlichung zu dem künstlerischen Werk von Eberhard Fechner ab.

Konrad Wolf: Chronist im Jahrhundert der Extreme

von Antje Vollmer, Hans-Eckardt Wenzel. Berlin: Die Andere Bibliothek 2019.

Kommentar der Jury:

Auf Grundlage von ausführlichen Quellenstudien und vieler Zeitzeugengespräche entstandene Biografie des bedeutendsten Filmregisseurs der DDR und langjährigen Präsidenten der Akademie der Künste der DDR, deren Ziel es ist, nicht nur einfach ein Leben nachzuerzählen. Dazu wird das familiäre Umfeld, insbesondere der Einfluss des Vaters, einbezogen und zeitgeschichtlichen Ereignisse und Umbrüche, wovon es in Wolfs Leben mehr als genug gegeben hat, ausführlich behandelt. Daneben nehmen sich die Autoren – die westdeutsche Politikerin Antje Vollmer und der ostdeutsche Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel – die Freiheit, die Lebensgeschichten von Nebenpersonen zu Ende zu erzählen und scheuen bisweilen auch vor Vermutungen und Pathos nicht zurück. Auf diese Weise gelingt es ihnen, dem Menschen Konrad Wolf sehr nahe zu kommen, vor allem auch seiner (vermeintlichen) Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit. Das Werk des Filmmachers steht dabei weniger im Mittelpunkt, vielmehr geht es den Autoren darum, die Biografie Konrad Wolfs als exemplarische Lebensgeschichte für eine bestimmte zeithistorische Epoche darzustellen, was ihnen hervorragend gelungen ist. Ein Highlight der Biografieliteratur.

In der Kategorie DVD/Blu-ray wurde folgende Edition ausgezeichnet:

Peter Lilienthal Archiv 1

Regie: Peter Lilienthal. DVD. Digital remastered.Booklet + Bonusmaterial. Von Vietinghoff Filmproduktion / Lighthouse Home Entertainment 2019.

Kommentar der Jury:

Das umfangreiche Filmwerk des 90-jährigen Peter Lilienthal, das im Lauf von 50 Jahren entstand und einmal zum Kern des Neuen Deutschen Films gehörte, ist heute nur noch schwer greifbar und aus Kino- und Fernsehprogrammen mehrheitlich verschwunden. Die vorliegende kompakte Edition auf 4 DVDs, betreut vom Produzenten Joachim von Vietinghoff, vereint drei ausgewählte Filme, David (1979, BRD), Dear Mr. Wonderful (1981/82, BRD), Das Autogramm / L’Autographe (1983/84, BRD/FR), die alle u.a. mit Deutschen Filmpreisen ausgezeichnet worden sind. Als Bonus gibt es ein langes Interview mit dem Regisseur, das nicht nur Aufschluss über Leben und Werk gibt, sondern auch über die Zeitumstände, die er durchlebte, sowie ein Booklet mit einem Essay von Michael Töteberg und einer Produktionsnotiz von Johannes Kagerer. Eine wichtige Edition, deren Fortsetzung sehr zu wünschen ist.

Für die Shortlist waren außerdem die folgenden Editionen nominiert:

Berliner Ballade

Regie: Robert A. Stemmle. Digital restauriert, Booklet + Bonusmaterial. DVD / Blu-ray. Filmjuwelen 2020.

Kommentar der Jury:

Auf der Grundlage eines Kabarett-Programms von Günter Neumann inszenierte Robert A. Stemmle im Jahre 1948 diese Nachkriegssatire, in der der damals noch magere Gert Fröbe den heute ebenfalls noch sprichwörtlichen Durchschnittsdeutschen Otto Normalverbraucher gibt. Die von der Günter-Neumann-Stiftung initiierte und bei Studio Hamburg durchgeführte Restaurierung geht sehr behutsam mit dem Film um. Ziel war es nach eigener Aussage, den Film nicht wie ein heutiges Hochglanzprodukt aussehen zu lassen, sondern den historischen Charakter des Filmmaterials durchaus sichtbar zu lassen. Das ist gut gelungen und geht mitnichten, wie man vielleicht meinen könnte, zu Lasten des Sehvergnügens. Das Bonusmaterial umfasst ein informatives Feature mit ausführlichen Informationen zu Autor Günter Neumann und Regisseur R. A. Stemmle, in dem nebenbei auch die Ansichten des zerstörten Berlin aus dem Film mit heutigen Ansichten verglichen werden und das extra für diese Ausgabe produziert wurde, sowie eine kurze Dokumentation zur Restaurierung, ein kurzes Interview von 1985 mit dem (inzwischen beleibten) Hauptdarsteller und ein Booklet. Insgesamt eine gelungene Edition eines der wichtigsten deutschen »Trümmerfilme«.

Die Büchse der Pandora

Regie: Georg Wilhelm Pabst. DVD & Blu-ray. Mediabook, restaurierte Fassung. Booklet + Bonusmaterial. Atlas-Film 2019.

Kommentar der Jury:

Der bereits 2009 restaurierte Film Die Büchse der Pandora ist der bekannteste Stummfilm des Regisseur G. W. Pabst mit dem Star Louise Brooks in der Hauptrolle. Der Film liegt in der Edition auf DVD und Blu-ray vor, die neue Musik wurde komponiert von Peer Raben im Auftrag von ZDF/ARTE. Als Bonus enthalten ist der informative Dokumentarfilm von Robert Fischer Der Schatten meines Vaters: Michael Pabst über G. W. Pabsts Die Büchse der Pandora. Das 24-seitige Booklet enthält Martin Koerbers Restaurierungsbericht, eine Rezension der Wiederaufführung sowie eine Vielzahl von zeitgenössischen Filmkritiken. Die drei beigefügten Postkarten mit den verschiedenen Plakatmotiven des Films sind eine schöne Zugabe. Die restaurierte Fassung des Films erscheint in der Nero-Film-Reihe von Atlas-Film als hochwertiges, informatives und sorgfältig editiertes Mediabook. In der Reihe sind weitere deutsche Filmklassiker erschienen, ebenso aufwendig und liebevoll gestaltet, wie etwa Westfront 1918 von Pabst, Fritz Langs Das Testament Des Dr. Mabuse oder Robert Siodmaks Film der Neuen Sachlichkeit Menschen am Sonntag von 1930.

Frankfurt Kaiserstraße

Regie: Roger Fritz. DVD & Blu-ray. Booklet + Bonusmaterial. Subkultur 2019.

Kommentar der Jury:

Die Marke »Edition Deutsche Vita« steht für konsistent hochwertige, liebevoll hergestellte und luxuriös ausgestattete Ausgaben westdeutscher Genrefilme, die vorher auf dem DVD- und Blu-ray-Markt nur schwer oder in mäßiger Qualität zugänglich waren. Unter den jüngsten Veröffentlichungen der Reihe, die inzwischen 13 Ausgaben umfasst, sticht die Edition der letzten Regiearbeit von Roger Fritz, Frankfurt Kaiserstrasse (1981), besonders heraus. Neben der tadellosen digitalen Präsentation des Hauptfilms (wie immer sowohl im Blu-ray- als auch im DVD-Format vorhanden) und dem umfangreichem Bonusmaterial – darunter neue Videointerviews mit Fritz und mit seinem Hauptdarsteller Dave Balko, die Aufzeichnung eines 2019 geführten Podiumsgesprächs mit Schauspieler Hanno Pöschl sowie eine Bildergalerie und Trailer – bietet das Paket ein 16-seitiges Begleitbooklet mit einem Aufsatz des in Frankfurt lebenden Cinéphilen Gary Vanisian sowie eine vollständige Reproduktion der 2. Fassung des Originaldrehbuchs von Georg Ensor (als gebundene Buchausgabe!) und eine Broschüre glänzender schwarz-weißer Setfotografien mit Balko.

Das Wachsfigurenkabinett

Regie: Paul Leni. Restaurierte Fassung, Booklet + Bonusfilm. DVD / Blu-ray. absolut Medien 2020.

Kommentar der Jury:

Paul Lenis phantastischer Film Das Wachsfigurenkabinett (1924) ist ein Meisterwerk des Weimarer Kinos. Mit hohem Aufwand, visueller Raffinesse und den großen Filmstars der damaligen Zeit inszenierte Leni die Geschichten von Harun al Raschid (Emil Jannings), Iwan dem Schrecklichen (Conrad Veidt) und Jack the Ripper (Werner Krauß). Leider verbrannte das Originalnegativ 1925, und so ist der Film nur in den überlebenden zeitgenössischen Kopien erhalten. Da der Restaurierung in der Hauptsache eine Kopie des British Film Institute zugrunde liegt, hat der Film englische Zwischentitel. Eine deutsche Kopie ist nicht erhalten. Die Stiftung Deutsche Kinemathek und die Cineteca di Bologna haben den Film nun aufwendig restauriert, wobei man auch die Farbgebung der englischen Kopie im digitalen Bild nachempfand. Es wurde eine von Bernd Schultheis, Olav Lervik und Jan Kohl neu komponierte Musik eingespielt. Zur Auswahl wurde eine alternative Klaviermusik von Richard Siedhoff beigegeben, die dem Film in jeder Hinsicht gerecht wird. Als Extra gibt es das Fragment Der Film im Film (1923/24), wo man gleich anfangs Paul Leni und Conrad Veidt kurz bei den Dreharbeiten zum Wachsfigurenkabinett sieht. Neben anderen Stummfilmgrößen sind auch die Regisseure Fritz Lang, E. A. Dupont und Hanns Schwarz bei Dreharbeiten zu sehen. Ein Booklet mit zeitgenössischen Kritiken und einem Text über die Restaurierung rundet die Edition ab.

 

Der Willy Haas-Preis zeichnet jährlich im Rahmen des cinefest – Internationales Festival des deutschen Film-Erbes bedeutende internationale Publikationen zum deutschsprachigen Film in den Bereichen Buch- und DVD/Blu-ray-Edition aus.

Preisträger der vergangenen Jahre (Link führt zur alten website)