XXIII. cinefest - Internationales Festival des deutschen Film-Erbes
Film schreibt Geschichte
Historie zwischen Fakten und Fiktionen
13. - 22. November 2026
im Kommunalen Kino Metropolis (Kleine Theaterstr. 10, 20354 Hamburg)
Quelle: DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum
Seit den Anfängen des Kinos gehört die Auseinandersetzung mit historischen Persönlichkeiten und Ereignissen bis heute zu den zentralen Themen. Zahllose Filme erzählen die Geschichte(n) von Königen, Künstlerinnen, Politikern, Wissenschaftlerinnen oder historischen Ereignissen. Dabei haben sich die Filmschaffenden mal mehr, mal weniger an die Tatsachen gehalten. Die Filme sind damit zugleich auch ein Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Systeme und reflektieren den zeitgenössischen Blick auf die Geschichte.
cinefest 2026 geht diesem Phänomen nach, vergleicht Filme aus verschiedenen Epochen und Ländern und untersucht, was sie über die dargestellten Personen bzw. historischen Vorkommnisse erzählen, vor allem aber auch über die Zeit, in der sie entstanden sind.
Eröffnet wird das Festival mit einem Film, der sich einer der ersten Frauenrechtlerinnen widmet: NUR EINE FRAU (1957/58, Carl Balhaus) erzählt die Lebensgeschichte von Louise Otto, u.a. Gründerin der ersten deutschen Frauen-Zeitung. Starke Frauenfiguren begegnen uns auch in KÄTHE KOLLWITZ – BILDER EINES LEBENS (1986, Ralf Kirsten), mit Jutta Wachowiak in der Titelrolle, sowie in ROSA LUXEMBURG (1985/86). Wir zeigen den Film in Anwesenheit der Regisseurin Margarethe von Trotta!
Das »skandalöse« Leben von LOLA MONTEZ, Tänzerin und Geliebte des bayrischen Königs Ludwig I., hat Max Ophüls 1955 farbenprächtig verfilmt. In Ernst Lubitschs Stummfilmklassiker MADAME DUBARRY (1919) wird das Schicksal einer Hutnäherin gezeigt, die als Mätresse von König Ludwig XV. zur mächtigsten Frau Frankreichs avancierte, bevor ihr das Intrigenspiel im Königshaus zum Verhängnis wurde. Eine beliebte Regentin war LUISE, KÖNIGIN VON PREUSSEN, die in Carl Froelichs frühem Tonfilm (1931) von Henny Porten dargestellt wird. Im Mittelpunkt steht ihre Begegnung mit Napoleon. Dass dieser kein gutes Ende fand, kann man in NAPOLEON AUF ST. HELENA (1928/29, Lupu Pick) sehen. Wir zeigen die Premiere der neu restaurierten Fassung dieses Stummfilms, musikalisch begleitet von Marie-Luise Bolte.
Ein bayrischer König, der uns bis heute in seinen vielen prachtvollen, aber auch verschwenderischen Schlössern begegnet, war LUDWIG II., dessen mysteriöses Ende bis heute Rätsel aufgibt. Auch Helmut Käutner versuchte der Sache auf den Grund zu gehen und drehte 1954 seine Version über das Schicksal des Märchenkönigs mit O.W. Fischer in der Titelrolle. Fischer schlüpfte ein Jahr später in HERRSCHER OHNE KRONE (Harald Braun) in die Rolle des Altonaer Arztes Johann Friedrich Struensee, der Dänemark reformieren wollte, aber wegen seiner Affäre mit der dänischen Königin schließlich auf dem Schafott endete. Eine aktuellere Version, bei der Königin Mathilde rückblickend über ihre schicksalhafte Begeg-nung mit Struensee resümiert, erzählt der 2012 bei der Berlinale prämierte dänische Film DIE KÖNIGIN UND DER LEIBARZT (Nikolaj Arcel).
Dass generell das mit Zwängen und Verpflich-tungen einhergehende höfische Leben auch zu allerlei unglücklichen Liebesaffären führte, zeigt nicht zuletzt das Schicksal des habsburgischen Kronprinzen Rudolf, dessen Leben und Sterben vielfach verfilmt wurde. Wir zeigen Terence Youngs MAYERLING (1968) mit Omar Sharif und Catherine Deneuve in den Hauptrollen.
Ein amüsantes Beispiel für den Umgang mit Historie im Film ist das in Tschechien inzwischen als Kultfilm gefeierte Musical EINE NACHT AUF KARLSTEIN (1973, Zdeněk Podskalský).
Musik spielt selbstredend eine entscheidende Rolle in Filmen über Komponisten. Zwei Melodramen widmen sich dem Leben und musikalischen Schaffen von Franz Schubert. In Willi Forsts Regiedebüt LEISE FLEHEN MEINE LIEDER (1933) erfahren wir, wie es zur unvollendeten Sinfonie kam. In der fast zeitgleich entstandenen englischen Schubert-Interpretation BLOSSOM TIME (1934, Paul L. Stein) spielt Startenor Richard Tauber den Komponisten, der auch mit seinem Gesang die Menschen verzaubert.
Der britische Regie-Exzentriker Ken Russell lässt seinen MAHLER (1974) zwischen Traum und Traumata changieren und provoziert in einer wilden Szene mit Cosima Wagner als Domina in Ledershorts, Nazistahlhelm und Peitsche.
»Wo ich bin, da ist die Revolution!« war der Schlachtruf des Anarchisten Max Hoelz, das Vorbild für den Titelhelden im DEFA-Film WOLZ. LEBEN UND VERKLÄRUNG EINES DEUTSCHEN ANARCHISTEN (1973/74, Günter Reisch). Ein Jahr zuvor widmete sich das ZDF-Fernsehspiel MAX HOELZ. EIN DEUTSCHES LEHRSTÜCK, geschrieben von Michael Mansfeld, dem Revoluzzer.
Auch THOMAS MÜNTZER, Zeitgenosse Martin Luthers, galt vielen als Aufrührer. 1955/56 verfilmte Martin Hellberg die Geschichte des thüringischen Pfarrers, der sich mit unterdrückten Bauern und widerständigen Grubenarbeitern verbündet und mit ihnen unter der Regenbogenfahne in den Bauernkrieg zieht, als eine Art Heldenepos. Bei der Wieder-aufführung des Film 1974 in der DDR fielen einige Szenen, die ein geeintes Deutschland propagierten, dem Zensor zum Opfer. Wir zeigen die rekonstruierte Fassung der Erstaufführung.
Viele Mythen ranken sich um Rasputin: Wanderprediger, Bauer, Wunderheiler, Frauenverführer und Vertrauter des Zaren. Er wird als Schlüsselfigur auf dem Weg zum Untergang des russischen Zarenreiches gesehen. 1931/32 drehte Adolf Trotz eine Filmbiografie über diesen geheimnisvollen Mann, RASPUTIN. DER DÄMON DER FRAUEN. In der Titelrolle brilliert Conrad Veidt. Ein paar Jahre später, dann schon im englischen Exil, spielt Veidt JEW SÜSS (1933/34, Lothar Mendes). Der heute kaum bekannte Film basiert auf dem Roman von Lion Feuchtwanger, den ein paar Jahre später Veit Harlan im berüchtigten Propagandafilm Jud Süß (1940) entstellte – eine Art faschistische Antwort auf Mendes’ Version.
Im nationalsozialistischen Film wurden gerne Filmbiografien großer Männer genutzt, um das »Führerprinzip« historisch zu legitimieren. Zu diesem Genre gehört auch BISMARCK (1940) von Wolfgang Liebeneiner.
Die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten und der Widerstand bilden einen weiteren Schwerpunkt im Programm. Kurz nach dem Attentat auf »Reichsprotektor« Reinhard Heydrich entstand in den USA nach einem Entwurf von Bertolt Brecht Fritz Langs HANGMEN ALSO DIE! (1942/43) unter Mitwirkung zahlreicher Emigranten als Polit-Thriller im Stil eines harten Film Noir. Der Mordanschlag und die schrecklichen Folgen für die tschechische Bevölkerung ist auch das Thema von ATENTÁT (1964), den Jiří Sequens an Originalschauplätzen in Prag drehte.
Spätestens seit Andreas Dresens Film IN LIEBE, EURE HILDE (2023) – am 7.11. im cinefest-Preview im Planet Harburg – dürfte die Widerstandsgruppe »Die rote Kapelle« für Viele wieder ein Begriff sein. 2017 drehte Christian Weisenborn mit DIE GUTEN FEINDE einen Dokumentarfilm über die Gruppe, zu deren Mitgliedern auch seine Eltern gehörten. Wir zeigen den Film in Anwesenheit des Regisseurs.
WER SIND SIE, DR. SORGE? Diese Frage stellt Yves Ciampi 1960/61 in seinem teils im Dokumentarstil gedrehten Agententhriller und versucht, dem kommunistischen Spion, der während des Zweiten Weltkriegs in Japan aktiv war, näher zu kommen. Ergänzend dazu zeigen wir den Interviewfilm SEIN WICHTIGSTER FUNKSPRUCH (1975, Eckhard Potraffke) mit Max Christiansen-Clausen, der in Tokyo als Funker für Richard Sorge gearbeitet hat.
Weniger widerständig gegen die Nazis zeigte sich Wernher von Braun, der zunächst in Peenemünde V2-Raketen für Deutschland baute, um kurz vor Kriegsende zu den Amerikanern überzulaufen, für die er dann Mondraketen entwickelte. In I AIM AT THE STARS (1959/60, J. Lee Thompson) wird er von Curd Jürgens dargestellt.

Katalog zum cinefest 2026
Zum cinefest wird wieder ein umfangreicher Katalog mit Kritiken und Materialien zu den Filmen und Themen des Festivals erscheinen.
Integraler Bestandteil des Festivals ist der 39. Internationale Filmhistorische Kongress. Er tagt vom 19.-21. November im Warburg-Haus.
Diskussionsforen zu aktuellen und archivalischen Themen begleiten das cinefest.


