XVII. cinefest - Internationales Festival des deutschen Film-Erbes

Kino, Krieg und Tulpen. Deutsch - Niederländische Filmbeziehungen

13. - 22. November 2020
im Kommunalen Kino Metropolis, Kleine Theaterstr. 10, 20354 Hamburg

Zeemansvrouwen (NL 1929/30, Henk Kleinman) ©Eye Filmmuseum

Stars wie Johannes Heesters und Rudi Carrell sind bei weitem nicht alles, was Deutschland und die Niederlande filmhistorisch verbindet. Neben dem Augenmerk auf die gegenseitige Darstellung – zwischen Klischee und Realität – nimmt das XVII. cinefest Gemeinsamkeiten bei der Produktion und Rezeption in den Blick.

Ein bedeutender Teil der frühen deutschen Kinematografie überlebte nur durch die Sammlung des niederländischen Verleihers Jean Desmet. Ivo Blom zeigt im Programm Feuer, Schiffbruch und Folklore Beispiele aus der im Eye-Archiv erhaltenen Desmet Collection.

Rotterdam stand immer wieder im Mittelpunkt von Dokumentarfilmen. Der Eye-Mitarbeiter Rommy Albers präsentiert im Programm Nah am Wasser Filme über die Hafenstadt: De stad die nooit rust (NL 1928, Friedrich von Maydell), Hoogstraat. Een absolute film (NL 1929, Andor von Barsy), Houen zo! (NL 1952, Herman van der Horst). Auch die deutsche Stummfilm-Komödie Hurra! Ich lebe! (D 1928, Wilhelm Thiele) nutzt Rotterdam als malerische Kulisse. 1929/30 sollte der von dem in den 1920ern zwischen Berlin und Amsterdam pendelnden Regisseur Henk Kleinman gedrehte Zeemansvrouwen der erste niederländische Tonfilm werden. Aufgrund technischer Probleme wurde er dann aber der letzte Stummfilm. 2003 beauftragte das Eye den Komponisten Henny Vrienten, den Film mit einer Tonspur zu versehen: Musik, Stimmen und passende Dialoge. Damit kommt Amsterdam, wie es 1930 war, greifbar nahe.

Zwischen den Weltkriegen machten niederländische Schauspieler Furore im deutschen Film. Die muntere Truus van Aalten belebte in den 1920/30er Jahren zahlreiche deutsche Komödien, von denen wir den Kurztonfilm Nur ein Viertelstündchen (D 1932, Alwin Elling) zeigen. Die weibliche Hauptrolle in Wilhelm Dieterles Stummfilm Ich lebe für Dich (D 1928/29) spielte Lien Deyers, die von Fritz Lang für den Film entdeckt worden war und bis Mitte der 1930er in Deutschland filmte, ehe sie ihrem jüdischen Ehemann, dem Regisseur und Produzenten Alfred Zeisler, ins Exil folgte.

Um 1930 bestanden zwischen Berlin und Amsterdam enge Kontakte zwischen Avantgarde- und Dokumentarfilmern, so Joris Ivens und Hans Richter, der u.a. Werbefilme für die Elektro-Firma Philips in Eindhoven drehte.

Nach der Machtübernahme der Nazis war Amsterdam für viele eine erste Exil-Station. Deutsche Filmschaffende wie z.B. Andor von Barsy waren auch hinter der Kamera maßgeblich beteiligt am Aufbau der niederländischen Kinematografie der 1930er Jahre. Der Deutsche Rudi Meyer (ein Neffe von Erich Pommer) war zwischen den 1930er und 60er Jahren als Produzent eine Schlüsselfigur der niederländischen Filmproduktion.

Der Autor und Regisseur Hermann Kosterlitz (Henry Koster) drehte im Exil die Komödie De Kribbebijter (Der Griesgram, NL 1935), der – mit vielen niederländischen Stars besetzt – beim Publikum sehr gut ankam. Einer der Hauptdarsteller war Frits van Dongen, der eine wechselhafte Karriere hatte: Nach Filmen in Babelsberg, darunter Veit Harlans Sudermann-Verfilmung Die Reise nach Tilsit (D 1939) ging er nach Hollywood und arbeitete dort unter dem Namen Philip Dorn.

Zu den in den Niederlanden Exil-Suchenden gehörte auch der populäre Komödiant und Regisseur Kurt Gerron. 1935 inszenierte er den Krimi Het mysterie van de Mondscheinsonate (Das Geheimnis der Mondscheinsonate). Nach dem Einmarsch der Wehrmacht wurde der Jude von den Nazis festgenommen. Sein weiteres Schicksal spiegelt sich in den Aufnahmen des Programms Westerbork – Theresienstadt. Zwei filmische Stationen des Holocaust, das wir in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg zeigen. Nachdem Gerron im KZ Theresienstadt eine propagandistische »Dokumentation« abgeschlossen hatte, wurde er mit anderen Beteiligten in Auschwitz ermordet.

Nach der Okkupation der Niederlande durch die Nazis dienten auch die niederländischen Ateliers in Amsterdam und Den Haag für Produktionen der Ufa, so bei Hans Steinhoffs aufwendigem Biopic Rembrandt (D 1941/42). Volker von Collandes Agfacolor-bunter Historien-Schwank Das Bad auf der Tenne (D 1942/43) entstand dagegen in einem Kulissen-Holland in und um Berlin.

Die Ereignisse unter der deutschen Besatzung waren in der Nachkriegszeit Thema zahlreicher Spielfilme mit wechselndem Fokus. Zu den ersten Filmen, die sich mit dem Thema beschäftigten, war der von Rudi Meyer produzierte De overval (NL 1962, Paul Rotha).

Mehrmals setzte sich auch der Regisseur Fons Rademakers mit der Kriegszeit auseinander. Wir zeigen Als twee druppels water (NL 1962/63), der vom Bier-Magnaten Heinekens finanziert wurde.  Charlotte (BRD/NL 1980, Frans Weisz) behandelt – unter Beteiligung zahlreicher deutscher Schauspieler – das Schicksal der deutsch-jüdischen Malerin Charlotte Salomon, die in Auschwitz vergast wurde. Um eine niederländische Widerstandskämpferin dreht sich die internationale Produktion Zwartboek / Black Book (NL/BE/GB 2005/06) von Paul Verhoeven, der für den Film aus Hollywood heimkehrte. Ganz neu ist der Dokumentarfilm Leonie, actrice en spionne (NL 2019/20, Annette Apon) über die Schauspielerin und Doppelagentin Leonie Brandt.

Der niederländische Dokumentarfilm hat eine reiche Geschichte, die vor allem mit den Namen Joris Iven und Bert Haanstra verbunden wird. Haanstra experimentierte bei Alleman (1963/64) mit Aufnahmen mit versteckter Kamera und schuf ein eindrucksvolles Porträt seiner Landsleute. Der international renommierte Dokumentarfilmer Joris Ivens fand zeitweise bei der DEFA eine professionelle Heimat. Sein ehemaliger Mitarbeiter Joop Huisken gehörte zu den Gründern des DEFA-Dokumentarfilmstudios. Zum 10. Staatsjubiläum drehte er 1959 den Film  Daß ein gutes Deutschland blühe, von dem zwei Versionen existieren, die Ralf Schenk im Gespräch mit Hans-Michael Bock präsentiert.

Die Schauspielerin Cox Habbema machte ebenfalls in der DDR Karriere und gab der ost-berliner Theater- und Filmszene ein internationales Flair. In Rainer Simons Spielfilmdebüt Wie heiratet man einen König (DDR 1968) verkörpert sie die kluge Bauerntochter.

In den 1950er und 60er Jahren zeichneten die niederländischen Filmproduzenten Geesink und Toonder verantwortlich für bekannte Werbefiguren wie Frau Antje und Werbekampagnen deutscher Unternehmen. Beispiele aus deren schillernder Produktion präsentiert die Filmhistorikerin Leenke Ripmeester (Eye Filmmuseum) im Programm Reklame aus Holland.

Ein filmhistorisches Unikum, nämlich eine späte Mehrsprachen-Version (MLV), drehte Wolfgang Staudte 1955 in Amsterdam: Ciske – ein Kind braucht Liebe entstand gleichzeitig auf deutsch und niederländisch (als Ciske de Rat). Wir zeigen die deutschsprachige Fassung.

Die deutsch-niederländische Co-Produktion Obsessions (1969, Pim de la Parra) entstand unter Mitwirkung des Münchner Filmmachers Dieter Geissler und wurde mit Blick auf den internationalen Markt auf Englisch gedreht.

Beim Neuen Deutschen Film bekleideten einige niederländische Filmmacher zentrale Positionen. Neben dem Produzenten Rob Houwer in München hatte vor allem Laurens Straub als Geschäftsführer des Filmverlags der Autoren große Bedeutung, die in der Dokumentation Gegenschuss – Aufbruch der Filmemacher (D 2006/07, Dominik Wessely) deutlich wird.

Ein stilbildender Kameramann aus den Niederlanden waren Gérard Vandenberg, der mit Es (BRD 1965, Ulrich Schamoni) einen der ersten »Jungen Deutschen Filme« fotografierte.

Sein Assistent bei Ich bin ein Elefant, Madame (BRD 1968/69, den wir am 10.11. im Abaton als Preview zeigen) war Robby Müller, der dann mit seinem Bildstil wichtige Filme von Wim Wenders prägte, darunter das Roadmovie Im Lauf der Zeit (BRD 1975/76).

Die Stummfilme werden von Daan van den Hurk und Marie-Luise Bolte live am Klavier begleitet.

Alle Filme werden fachkundig eingeführt.

cinefest Katalog 2020

Zum cinefest erscheint ein umfangreicher Katalog mit Kritiken und Materialien zu den Filmen und Themen des Festivals

Integraler Bestandteil des Fesitvals ist der 33. Internationale Filmhistorische Kongress.

Diskussionsforen zu aktuellen und archivalischen Themen begleiten das cinefest.